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Lisa Wolf über Growth Mindset

„Ich kann es NOCH nicht“ – wie Growth Mindset dich weiterbringt

Folge 78: „Ich kann es noch nicht“ – wie Growth Mindset Arbeit stärkt – Ein Gespräch mit Lisa Wolf

Lisa Wolff hat Growth Mindset nicht aus Büchern und nicht an der Uni gelernt. Ihre Musiklehrerin hat es ihr beigebracht. Jedes Mal, wenn Lisa sagte, „Ich kann es nicht“ und frustriert aufgeben wollte, entgegnete die Lehrerin: „Du kannst es noch nicht.“

Heute ist Lisa HR-Expertin und Circle Lead Human Performance bei Voltavision, einem Berliner Unternehmen für Energiespeicher-Prüflabore – und baut dort eine Arbeitskultur auf, in der genau diese Haltung lebt. Im Gespräch erzählt sie, warum ein einziges Wort die Tür zwischen Aufgeben und Weitermachen ist, was New Work jenseits des Buzzwords bedeutet und was es braucht, damit Arbeit wirklich Energie gibt.

Darum gehts:

  • Growth Mindset als Haltung, nicht als Trend: Lisa beschreibt, wie sie das Konzept von Carol Dweck erst kennenlernen musste – um zu merken, dass ihre Musiklehrerin es ihr schon als Kind mitgegeben hatte.
  • Stärken als Energiequelle: Warum es ein Unterschied ist, ob wir auf das schauen, was uns fehlt – oder auf das, was wir schon können.
  • New Work und Eigenverantwortung: Bei Voltavision wird nach dem Holokratie-Prinzip gearbeitet. Was das konkret bedeutet – und warum es nicht für jeden sofort funktioniert.
  • Inner Work als Basis: Voltavision bietet Lernreisen an, jetzt auch für externe Teilnehmende – und startet mit dem Thema, das für Lisa die Grundlage von allem ist.

Lisa Wolff und ich kennen uns aus unserem gemeinsamen New Work Master Skill Programm – wir haben viel miteinander gesprochen, viel voneinander gelernt. Und ich wollte diese Gespräche endlich mit mehr Menschen teilen. Lisa hat anfangs gezögert. Dass sie jetzt hier ist, ist – wie ihr gleich merken werdet – selbst ein schönes Beispiel für das, worüber wir sprechen.

Inhaltsverzeichnis

Wer ist Lisa Wolff – und wofür schlägt ihr Herz?

Nicole: Lisa, wer bist du – und wofür schlägt dein Herz?

Auf jeden Fall für andere Menschen und das Zusammensein, das Zusammenarbeiten zu gestalten. Ich freue mich selbst immer, wenn ich neue Dinge lerne und mich weiterentwickeln kann – ich habe Entwicklung auch auf Platz 1 meines Stärkenprofils. Anderen Menschen neue Perspektiven mitzugeben oder zumindest dazu anzuregen, ist etwas, was mich total erfüllt.

Aktuell tue ich das bei der Voltavision GmbH, einer Firma, die standortweite Prüflabore für Energiespeicher hat. Meine Rolle heißt Circle Lead Human Performance – weil wir für uns entschieden haben, dass es mehr um die gemeinsame Leistung geht als um menschliche Ressourcen. Es ist aber nah an einer Personalleitung.

Growth Mindset bei Voltavision: wie das Unternehmen arbeitet

Nicole: Ich durfte Voltavision schon kennenlernen – und war wirklich beeindruckt von dem Miteinander. Wie seid ihr organisiert?

Wir orientieren uns am Prinzip von Holacracy und arbeiten rollenbasiert. Jede Rolle hat einen sogenannten Purpose, ein Ziel – und das Wie gestaltet die Person selbst, die diese Rolle übernimmt. Dahinter steckt die Annahme, dass die jeweiligen Menschen Experten in ihrem Bereich sind und eine Führungskraft nicht in allen Bereichen das meiste Wissen hat. So versuchen wir, Gestaltungsspielraum zu geben, damit jeder sein Wissen bestmöglich einbringen kann.

Nicole: Klingt nach sehr viel Eigenverantwortung – und wie einem guten Schutz gegen Micromanagement.

Genau, darauf ist es ausgelegt. Aber auch da sind wir auf einem Weg. Wir haben gemerkt, dass es nicht an allen Stellen immer ganz eigenverantwortlich funktioniert – und haben auch mal mehr Regeln eingeführt. Dann erinnern wir uns und versuchen es wieder anders.

Es ist ein ständiges Gucken und Austarieren. Und es bringt ganz eigene Herausforderungen mit sich: jeden Morgen zu entscheiden, welche Themen ich heute bearbeite, wo ich Rücksprache halten muss, welche Informationen ich wann weitergebe. Da zu lernen, auf sich selbst zu achten – das ist gar nicht so einfach. Gerade wenn die Arbeit Freude macht, ist die Gefahr groß, zu ganz vielen Themen Ja zu sagen, weil man mitgestalten möchte. Deshalb arbeiten wir immer mehr daran, den Menschen auch das Thema Inner Work mitzugeben: Wo sind meine Grenzen, was kann ich gut, was macht mir weniger Freude?

Wie Lisa zu Voltavision kam – und was das mit Growth Mindset zu tun hat

Nicole: Du hast erzählt, dass dein Weg zu Voltavision nicht ganz geradlinig war. Wie hat das angefangen?

Ich bin 2018 über mehr oder weniger einen Zufall dort eingestiegen – ich war auf Jobsuche nach einer Kündigung und über einen Freund ins Gespräch gekommen, der schon bei Voltavision gearbeitet hat. Ich bin ehrlich gesagt mit dem Gedanken zum Gespräch gefahren: Ich höre mir das mal an und kann dann immer noch sagen, es ist eine Nummer zu groß.

Und dann war es so schön: Wir saßen zu dritt zusammen, haben uns viel unterhalten – und die beiden Menschen, die dabei waren, haben mir gesagt, ich sei die mit der meisten Erfahrung und Expertise im Bereich. Und haben total Zuversicht ausgestrahlt, dass wir das schon gemeinsam hinkriegen. Das ist auch, was sich bis heute für mich durchzieht: Jeder bringt seine Erfahrungen mit, wir gestalten gemeinsam, lernen voneinander und entwickeln uns weiter.

Es gab auch Phasen, wo ich wieder ins Zweifeln geraten bin – ob mir nicht doch die Erfahrung aus einem größeren Unternehmen fehlt. Aber ich glaube, es hat alles Vor- und Nachteile. Und was mir wichtig ist: Ich habe das Gefühl, ich kann als Mensch da sein und muss nicht einen Teil von mir zu Hause lassen. Es ist auch okay, Phasen zu haben, wenn es privat viel ist, das auszusprechen und zu sagen: Ich bin gerade mit dem Kopf woanders.

Growth Mindset mit Lisa Wolf

Growth Mindset im Beruf: das kleine Wort, das alles verändert

Nicole: Du bist über eine Kollegin auf das Thema Growth Mindset von Carol Dweck aufmerksam geworden. Was hat das mit dir gemacht?

Ich war super fasziniert – und habe gedacht: Wie krass, dass es ein Modell oder eine Theorie dazu gibt. Denn ich habe dieses Geschenk ja schon so viele Jahre mitbekommen: Ich hatte schon mit acht oder neun Jahren eine Querflötenlehrerin an der Musikschule, die mich viele Jahre begleitet hat. Wenn ich da stand und eher trotzig oder genervt war und sagte „Das kann ich doch alles nicht“ – dann hat sie mich immer angeschaut und gesagt: „Lisa, du kannst es noch nicht.“

Ein kleines Wort, das die Perspektive komplett ändert. Mit „Ich kann das nicht“ baue ich eine Mauer. Das klingt ziemlich endgültig. Mit „Ich kann das noch nicht“ sind auf einmal ganz neue Möglichkeiten da.

Das hat sich durch meinen ganzen Weg gezogen. Auch den Berufseinstieg – ich hatte in der externen Personalberatung einen Chef, der super geduldig Dinge erklärt hat, obwohl das ein sehr ingenieurslastiger Bereich war und ich mit meinem Psychologie-Bachelor weit davon entfernt war. Und dann bei Voltavision die Gründer Nils und Julian, die entschieden haben, ein Unternehmen zu gründen, das Zusammenarbeit positiv gestaltet – und das auch vorleben.

Nicole: Ich möchte kurz ergänzen: Growth Mindset steht dem Fixed Mindset gegenüber. Das Fixed Mindset ist das Gefühl, ich bin halt nicht der Typ dafür – das höre ich auch von meinen Töchtern in bestimmten Phasen. Während das Growth Mindset sagt: Ich kann das noch nicht, ich darf Fehler machen, ich lerne daraus.

Genau. Und ich glaube, ein wichtiger Punkt dabei ist, wo wir unseren Blick hinlenken. Wir werden durch das Schulsystem sehr geprägt, auf das zu schauen, was nicht gut läuft. Ich habe jedenfalls selten erlebt, dass in einem Test alles grün oder bunt markiert ist, was richtig gut war – sondern eher, dass rot markiert ist, was falsch war. Das prägt uns. Es ist auch hilfreich, das zu lernen. Aber gleichzeitig sich zu erinnern: Was hat schon geklappt? Was habe ich schon geschafft? Das ist ein ganz wichtiger Gegenpol.

Was es braucht, damit Arbeit Energie gibt

Nicole: Was braucht es deiner Erfahrung nach, damit Arbeit so gestaltet ist, dass sie Energie gibt?

Ein ganz wichtiger Punkt ist, bei sich selbst anzufangen. Zu schauen: Was ist meine Haltung zu bestimmten Themen, welche Glaubenssätze habe ich? Und wirklich auch hinzuschauen, was ich gut kann, was mir Freude macht – und was davon ich im Arbeitskontext nutzen kann. Wo sind meine produktivsten Arbeitszeiten, wie gestalte ich meinen Tag?

Ich habe da selbst eine sehr lehrreiche Erfahrung gemacht, ziemlich früh bei Voltavision. Ich hatte einen Kollegen aus dem BWL- und Finance-Bereich – und wir sind am Anfang so oft aneinandergerasselt. Er hatte die Sicht, dass ich immer nur auf den Menschen schaue und gar nicht aufs Geld. Und ich hatte andersherum die Sicht, dass er immer nur auf Zahlen schaut und den Menschen vergisst.

Irgendwann haben wir das in einem gemeinsamen Coaching bearbeitet – und beide mitgenommen, dass es wertvoll ist, diese verschiedenen Perspektiven reinzubringen. Wenn wir weniger emotional draufschauen und fragen, wer für welche Aufgabe besser geeignet ist, können wir viel mehr erreichen, als wenn wir es jeweils alleine machen würden. Das ist zwischendurch echt anstrengend – weil ich auch mal schauen muss, wo ich vielleicht falsch liege. Aber es lohnt sich.

New Work und Growth Mindset: mehr als ein Buzzword

Nicole: Was bedeutet New Work für dich – was packst du unter diesen Begriff?

Ich bin irgendwann auf den Begriff aufmerksam geworden – und habe dann gemerkt, dass wir bei Voltavision schon ganz viel davon tun, ohne dass wir alle wissen, wie es heißt. Für mich steht dahinter vor allem, dass ich wirklich als Mensch auf der Arbeit sein kann, mit allen meinen Facetten. Das heißt nicht, dass ich einfach tue, was ich will – natürlich gibt es Deadlines und Verantwortung. Aber es ist okay, dass ich mal schlecht drauf bin. Und die Arbeit lässt sich so gestalten, dass sie mich stärkt. Dass ich nach einem langen Tag erfüllt in den Feierabend gehe.

Jeder bringt total viel Potenzial mit – und wir dürfen mehr hinschauen, wie wir das nutzen. Dann können wir, glaube ich, noch viel mehr schaffen als im Moment.

Nicole: Viele Menschen kommen zu New Work über negative Erfahrungen – toxische Führung, das Gefühl, sich nicht einbringen zu können. Du bist einen anderen Weg gegangen.

Genau, und das ist mir wirklich ein Anliegen zu teilen. Ich möchte nicht kleinreden, dass wir ganz viel aus negativen Erfahrungen lernen und daran wachsen können. Aber ich möchte Menschen ermutigen: Es geht auch über den positiven Weg. Nicht warten, bis eine ganz negative Erfahrung kommt – sondern früher schauen, wo finde ich Menschen, die mich inspirieren, die Vorbilder sein können.

Growth Mindset als Organisationsprinzip: die Lernreisen von Voltavision

Nicole: Ihr baut das, was ihr intern gelernt habt, jetzt auch für andere auf – was sind das für Angebote?

Wir haben mehrere Lernreisen entwickelt: zu Inner Work und Mindset, zu Kommunikation und Konflikten, zu Feedback, Selbstorganisation und stärkenbasiertem Arbeiten. Und weil wir bei Veranstaltungen und in Gesprächen immer mehr merken, dass viele Unternehmen auf dem Weg sind, ihre Zusammenarbeit zu hinterfragen – gehen wir jetzt auch extern raus.

Wir starten mit dem Thema, das für uns die Basis ist: Inner Work. Weil sich ohne diese Grundlage alles andere nur an der Oberfläche bewegt. Wenn viel Veränderung kommt – und die kommt gerade – ist es aus unserer Sicht entscheidend, sich vorzubereiten: Wie gehe ich damit um? Was brauche ich, um mich schnell auf Neues einstellen zu können?

Was ich aus diesem Gespräch über Growth Mindset mitnehme

Dass Lisa jetzt in diesem Podcast saß, nachdem sie es anfangs so entschieden abgelehnt hatte – das ist für mich das schönste Argument für alles, worüber wir gesprochen haben. Ich habe sie am Ende darauf angesprochen.

Nicole: Dieses Gespräch ist selbst ein Zeichen deines Growth Mindsets – ich erinnere mich noch gut, wie entrüstet du warst, als ich dich gefragt habe.

Auf jeden Fall. Und da hat auch das New Work Master Skills Programm einen wesentlichen Anteil – und die ganze Gruppe. Ich bin unfassbar dankbar, dass meine Kollegin Katrin mich darauf aufmerksam gemacht und ein bisschen liebevoll angeschubst hat.

Die prägendsten Lernmomente kommen von Menschen. Eine Musiklehrerin, die jahrelang „noch nicht“ sagt statt „nicht“. Zwei Gründer, die Zuversicht ausstrahlen statt Anforderungen aufzulisten. Eine Kollegin, die einen sanft schubst.

Growth Mindset verbreitet sich nicht durch Definitionen. Es verbreitet sich durch Begegnung.

FAQ

Was ist Growth Mindset – und was ist der Unterschied zum Fixed Mindset?

Growth Mindset ist ein Begriff der Psychologin Carol Dweck. Menschen mit einem Growth Mindset glauben, dass Fähigkeiten durch Anstrengung und Lernen wachsen können. Menschen mit einem Fixed Mindset gehen davon aus, dass Talent und Intelligenz feststehen. Der entscheidende Unterschied zeigt sich oft in einem einzigen Wort: „Ich kann das nicht“ (Fixed) vs. „Ich kann das noch nicht“ (Growth).

Growth Mindset im Beruf beginnt damit, den eigenen Blick zu schulen: auf das, was bereits funktioniert – nicht nur auf Lücken. Konkret hilft es, die eigenen Stärken zu kennen und zu fragen, wie sie sich in der Arbeit einsetzen lassen. Und: Fehler als Lernmaterial zu behandeln statt als Urteil über die eigene Kompetenz.

Bei Holokratie übernehmen Menschen Rollen statt klassischer Stellen. Jede Rolle hat einen klaren Zweck. Das Wie – also wie jemand diesen Zweck erfüllt – liegt bei der Person selbst. Das schafft Gestaltungsspielraum und Eigenverantwortung, verlangt aber auch die Bereitschaft, selbst Entscheidungen zu treffen.

Inner Work bezeichnet die Auseinandersetzung mit sich selbst: den eigenen Glaubenssätzen, Mustern, Stärken und Grenzen. Lisa Wolff und ihr Team bei Voltavision sehen es als Voraussetzung für alles andere – denn wer sich selbst nicht kennt, kann weder gut kommunizieren noch Eigenverantwortung übernehmen noch konstruktiv mit Reibung umgehen.

Weil New Work echte Eigenverantwortung verlangt. Wer jahrelang gelernt hat, nur das zu tun, was explizit erlaubt ist, tut sich schwer damit, einfach zu gestalten. Die Hemmschwelle ist real – und sie ist kein persönliches Versagen, sondern das Ergebnis langer Gewöhnung. Growth Mindset ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um diesen Schritt zu wagen.

Das vollständige Gespräch mit Lisa Wolff gibt es als Folge 78 im Podcast Freiraum für Führungskräfte. Lisa ist über LinkedIn erreichbar. Informationen zu den Lernreisen von Voltavision gibt es über die Voltavision Academy.

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