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Folge 41 Sylvia Pietzko

Narzissmus erkennen und sich schützen – ein Gespräch mit Sylvia Pietzko

Folge 41: Der Chef ist ein Narzisst? Wie du das erkennst und dich daraus befreien kannst

In meinen Coachings stoße ich immer wieder auf dasselbe Thema: jemand vermutet, dass seine Chefin, sein Chef – oder ein Mensch im privaten Umfeld – narzisstische Züge hat. Und weiß nicht, wie damit umgehen. Da ich selbst nicht dafür ausgebildet bin, habe ich mir für diese Folge eine Expertin dafür geholt.

Sylvia Pietzko ist Agile Coach, Personal Coach – und Narzissmus-Expertin. Nicht nur theoretisch. Sie hat selbst eine narzisstische Beziehung erlebt, sich darüber schlau gemacht, klinische Literatur gelesen, mit Psychologen und Psychiatern gesprochen – und irgendwann angefangen zu schreiben. Ihr Blogpost zum Thema Narzissmus und Bipolar rangiert bis heute auf Platz eins bei Google.

In diesem Gespräch erklärt sie, wie Narzissmus wirklich funktioniert, wer besonders gefährdet ist, woran man einen Narzissten erkennt – und wie man sich aus einer toxischen Situation befreit.

Darum gehts:

Sylvia Pietzko ist Narzissmus-Expertin aus eigener Erfahrung. In diesem Gespräch erklärt sie, warum empathische Menschen besonders gefährdet sind, bei Narzissten zu landen, was die vier E’s sind, an denen man narzisstisches Verhalten erkennt, wie man sich im Berufsalltag schützt – und warum es keine Schwäche ist, sich professionelle Unterstützung zu holen.

Inhaltsverzeichnis

Sylvia Pietzko und ich kennen uns aus unserer gemeinsamen Coaching- und Beratungsgemeinschaft. Ich habe sie von Anfang an als jemanden erlebt, der nicht lang fackelt. Und auch deshalb wollte ich sie hierher einladen.

Wer ist Sylvia Pietzko – und wie kam sie zum Thema Narzissmus?

Nicole: Sylvia, magst du dich vorstellen – wer bist du, und welche Themen begeistern dich?

Ich habe einen Hintergrund in Design, PR und Marketing – das habe ich über 20 Jahre gemacht, hatte auch eine eigene Agentur. Irgendwann habe ich gemerkt, in der Medienbranche sind so viele unglückliche Menschen, so viele Konflikte, so viele Dinge, die nicht rundlaufen. Und ich wollte lieber mit den Menschen arbeiten, um ihnen zu helfen, da was zu verändern – statt an Pixeln und Buchstaben.

Also habe ich eine Coaching-Ausbildung gemacht – übrigens bei derselben Ausbilderin wie Nicole. Dann habe ich meine Agentur sukzessive abgebaut und das Coaching aufgebaut. Später kam noch ein Studium für Mediation und Konfliktmanagement dazu. Und die Themen, die mich heute am meisten begeistern: Kommunikation, Empathie, Führung – und Narzissmus.

Nicole: Das Thema Narzissmus hast du dir nicht ausgesucht, oder?

Nein, das hat mich eines Tages leider selbst überrollt. Ich habe nicht gemerkt, wo ich schon jahrelang drinsteckte – in einer narzisstischen Beziehung. Es ging dabei um eine Freundschaft und gleichzeitig eine Geschäftsbeziehung, oder was ich dafür gehalten habe.

Irgendwann war da dieser eine Tag, an dem ich dachte: Was ist hier passiert? Es ging mir nicht gut. Und ich bin jemand, der Probleme gerne über Wissen löst. Also habe ich klinische Literatur gekauft, mich eingelesen, mit Psychologen und Psychiatern gesprochen. Und weil ich auch gerne schreibe – ich komme aus der PR, ich habe sogar schon ein Buch veröffentlicht – dachte ich: Bevor ich leise heimlich in mein Tagebuch weine, gibt es vielleicht draußen Menschen, denen es hilft, wenn ich dieses Wissen und diese Erlebnisse veröffentliche.

Ich habe dann auch andere Geschichten anonym eingearbeitet, damit es nicht zu einseitig wird und die Person, die mich so arg belastet hat, nicht erkannt werden kann. Daraus wurde dieser lange Blogpost. Denn braucht man wirklich 15 Minuten, um ihn zu lesen.

Nicole: Und der rankt bis heute auf Platz eins bei Google?

Wenn du Narzissmus und Bipolar in irgendeiner Kombination googlest, findest du heute noch diesen Post auf Platz eins. Ich habe ein bisschen Suchmaschinenoptimierung drübergestreut, aber wirklich nur minimal. Ich hatte da keine großen Erwartungen reingesteckt.

Macht und Ohnmacht: was der Begriff mit Narzissmus zu tun hat

Nicole: Du stehst auf deiner Website für Power, für Macht. Was bedeutet der Begriff für dich?

Ich hatte als Kind auf einer Spielzeugkiste einen Aufkleber – ich weiß nicht mehr, für wen oder was der geworben hat, aber da stand drauf: „Auf die Dauer hilft nur Power.“ Ich habe das als Kind gar nicht kapiert, fand den Spruch aber so cool. Der begleitet mich durch mein Leben.

Und bei einem dreitägigen Coaching für mich selbst haben wir herausgearbeitet, dass Macht mein Thema ist. Macht ist, wenn wir bei der rein weltlichen und menschlichen Ebene bleiben, all das, was ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen bewirken kann, um sich selbst und andere zu gestalten, zu beeinflussen und zu verändern. Das kann nützlich, förderlich, menschenwürdig sein – oder auch das Gegenteil.

Nicole: Im Deutschen ist Macht eher negativ konnotiert. Im Englischen steht Power eher für Kraft, Schöpferkraft. Diese Ambivalenz finde ich faszinierend.

Das ist genau richtig. Wir verwenden im Deutschen ganz oft das englische Power, wenn wir über die gute Seite von Macht reden. „Das war ganz schön eigenmächtig von dir“ – das ist negativ. Und ich sehe da ehrlich gesagt auch Aufklärungsarbeit, die ich mir selbst auferlegt habe: Macht ist im Sinne des Erfinders erst mal etwas Gutes. Denn Macht fängt bei einem selbst an. Wenn ich nicht die Macht über mich und mein Leben übernehme, kommt möglicherweise jemand anderes und tut das für mich.

Nicole: Und von Macht ist es ja nicht weit zu Ohnmacht – und damit zu Narzissmus.

Ja, ganz tief rein.

Sylvia Pietzko Narzissmus

Narzissmus verstehen: warum empathische Menschen besonders gefährdet sind

Nicole: Wie kommen wir am besten in das Thema rein?

Fangen wir mit dem Blogpost-Titel an: Der bipolar gestörte Narzisst und der empathische Mensch. Empathische Menschen – vielleicht noch ein bisschen feinfühliger als der Durchschnitt – sind ganz besonders gefährdet, bei Narzissten zu landen.

Der Narzisst ist im Grunde ein ganz trauriger, verletzter, in Anführungszeichen kleiner Mensch. Er hat sehr früh ein Liebesdefizit erlitten, sein Selbstwert wurde früh gekränkt. Und er verbringt sein ganzes Leben damit, diese Kränkung zu überwinden, indem er sich selbst permanent erhöht. Feinfühlige, empathische Menschen spüren das, erkennen das – und denken: Der Arme. Und wollen helfen. Und zack, sind sie drin.

Dazu kommt etwas, das viele nicht gerne hören wollen: Wir alle haben ein Selbstwertgefühl. Wir alle möchten Komplimente, möchten gewinnen, möchten gut dastehen – es gibt einen ganz gesunden Alltagsnarzissmus. Und das, was uns zu den 100 Prozent fehlt, das erkennt der Narzisst natürlich. Der wickelt uns da ein.

Da heißt es dann: „Sylvia, seitdem du neben mir stehst, habe ich keine Bauchschmerzen mehr.“ Oder: „Ich habe noch nie jemandem so sehr vertraut wie dir.“ Das dient lediglich dazu, um zum Opfer gemacht zu werden. Du denkst, endlich einer, der meinen Wert sieht. Und das ist das Problem.

Narzissten sind nur instrumentell empathisch. Sie können andere Menschen ganz gut auslesen und studieren – aber um das für ihre eigenen Manipulationszwecke zu verwenden.

Nicole: Empathie ist aus der Stärkenbrille betrachtet eigentlich eine Strategie, die man sich gelernt hat. Ein Radar, der alle Signale im Umfeld aufnimmt. Ist das beim Narzissten ähnlich?

Jein. Wenn du und ich empathisch sind, können wir wirklich mitempfinden. Wenn du mir etwas Trauriges erzählst, fühle ich, was du fühlst – das ist neurobiologisch in uns angelegt. Der Narzisst fühlt das nicht, oder er hat dieses Mitfühlen sehr früh abgespalten.

Narzissten sind aber ganz oft sehr intelligent und häufig in hohen Führungspositionen oder als Selbstständige sehr erfolgreich. Die können Menschen auslesen, können erkennen, wie es denen geht. Aber es macht nichts mit ihnen. Es ist ihnen egal. Hauptsache, es geht um sie selbst – und sie können das, was sie beim anderen sehen, nutzen.

Sie können auch nicht wirklich empathisch sein, weil sie dann auf sich selbst und ihre eigenen Fehler und Defizite schauen müssten. Und das gilt es für den Narzissten unbedingt zu vermeiden.

Wie Narzissmus im Alltag wirklich aussieht – die vier E's

Nicole: Wie erkenne ich einen Narzissten – im privaten Umfeld oder im Job?

Neben der Empathielosigkeit gibt es noch drei weitere Wörter, die mit E anfangen. Das zweite ist extremer Egoismus – ich bin ein großer Fan von gesundem Egoismus, aber das ist ein anderes Thema. Das dritte E ist Entwertung: Die beste Möglichkeit, sich selbst groß und stark zu fühlen, ist, andere klein und schwach zu machen. Und das vierte E ist Empfindlichkeit. Der Narzisst ist schon beleidigt, wenn die Sonne weiter wandert.

Das sind die vier E’s: Empathielosigkeit, extremer Egoismus, Entwertung, Empfindlichkeit.

Wie wirkt sich das aus? Der klassische Fall: Ich-Chef-du-nix-Verhalten. Mitarbeiter kleinmachen, sich selbst erhöhen, die Ideen oder Ergebnisse anderer für die eigenen ausgeben. Bei Cholerik und mangelnder Impulskontrolle kann man auch genauer hinschauen. Guter Cop, böser Cop in einer Person – als Führungskraft extremer Einsatz von Lob und Strafe, oft willkürlich und nicht nachvollziehbar.

Tatsächliche Drohungen kann es auch geben. Ich kenne den Fall eines Abteilungsleiters, der einem Klienten gedroht hat, er verliere selbst seinen Job, wenn er nicht dazu beiträgt, einen Kollegen rauszumobben.

Und dann die Manipulation über die Emotionsschiene. Ich habe mich einmal so weit bringen lassen, dass ich freiwillig unbezahlt gearbeitet habe – und das nicht als Praktikant, sondern in fortgeschrittenem Alter. Weil ich dachte, Geld ist mir nicht so wichtig, ich möchte, dass die Beziehung wieder gut ist. Und ich hatte durch diesen Menschen auch die Chance, mein Hobby mit meinem Job zu verbinden – da waren also auch Dinge, die ich wirklich mochte. Und dann gibst du freiwillig immer mehr. Und stehst alle sechs Monate wieder an derselben Stelle, fix und fertig.

Narzissmus im Job: wie erkenne und schütze ich mich?

Nicole: Was kann ich tun, wenn ich erkannt habe, dass mein Chef oder meine Chefin narzisstische Züge hat – und ich mich in der Opferrolle befinde?

Das Erste ist immer: erkennen. Und dann schauen, wie kann ich mich abgrenzen, wie kann ich mich schützen? Denn sobald man sich einmal auf das Spiel eingelassen hat – dem Chef permanent zu huldigen, zu springen, wenn er Frosch sagt – ist es verdammt schwer, wieder rauszukommen. Deshalb ist frühes Erkennen so wichtig.

Dann: keine Angriffsfläche bieten. Nichts Persönliches erzählen. So weit wie möglich sachlich bleiben und den Job machen. Keine weitergehende zwischenmenschliche Beziehung aufbauen. Wirklich Distanz wahren.

Und wenn es schon so weit ist, dass man das Gefühl hat, manipuliert zu werden: Stopp sagen. Grenzen ziehen, auf eigene Rechte beharren, eigene Bedürfnisse anmelden. Das mögen Narzissten natürlich gar nicht. Aber wenn ich erlaube, dass der narzisstische Chef mich ständig runtermacht, mich vor Kollegen vorführt – und ich da nicht beim ersten Mal klar reingrätsche – wird das immer so weitergehen.

Nicole: Ich kenne einen Fall, wo die einzige Lösung am Ende die Kündigung war. Die Person hatte sich selbst in den Burnout gearbeitet. Und je mehr sie versucht hat, Grenzen zu setzen, desto härter wurden die Bandagen angezogen.

Genau. Wenn der Narzisst spürt, dass ihm das Opfer entgleitet, wird er aggressiv – im Business eher passiv-aggressiv oder leise-aggressiv. Und sagt Dinge nur unter vier Augen, sodass man fast das Gefühl bekommt: Habe ich mir das jetzt eingebildet?

Deshalb ein konkreter Tipp: Tagebuch schreiben, Notizen machen. Und sich jemandem anvertrauen – einer Vertrauenskollegin, dem Betriebsrat. Nicht zum Petzen, sondern aus Selbstschutz. Personalabteilungen sind leider nicht immer die beste Anlaufstelle, weil die im Spannungsfeld stehen. Der Betriebsrat ist oft hilfreicher.

Und ganz wichtig: Nichts persönlich nehmen. Es hat nichts mit dir selbst zu tun, mit deiner Leistung, mit deiner Person. Narzissten machen das mit jedem. Die können nicht anders, das ist Teil des Krankheitsbildes. Es wird jeder vor den Karren gespannt.

Was im Job auch passiert: Der narzisstische Chef fördert jemanden gezielt – erhöht ihn, lobt ihn, stellt ihn auf einen Sockel. Mit dem Zweck, sich jemanden ranzuziehen, der ihm huldigt, der nach dem Mund redet, der keine eigene Meinung mehr hat. Und sobald dieser Mitarbeiter einen Fehltritt macht, wird er so schnell von diesem Sockel geschmissen – dann wird das nächste Opfer erschaffen. Man fühlt sich am Anfang gar nicht wie ein Opfer, das kommt erst hinterher.

Hilfe holen: Sylvias Online-Programm und was es bietet

Nicole: Was können Menschen tun, die sich in so einer Situation befinden?

Sie können mich für ein Coaching kontaktieren. Oder meinen Online-Kurs nutzen, der heißt Powerful You und ist unter sylvia-pietzko.de verlinkt.

Ich bin keine Therapeutin, ich bin Coach – das ist ein wichtiger Unterschied. Aber mit meinem Ansatz kann ich trotzdem ganz vielen Menschen helfen. Therapieplätze sind rar, die Wartezeiten lang. Wenn jemand kein Coaching will oder kann, gebe ich in diesen Kurs wirklich alles rein, was ich zum Thema weiß, um für bewusst kleines Geld trotzdem zu helfen.

Aus eigener Erfahrung und aus den Coachings, die ich seitdem gemacht habe, sage ich: Sich selbst psychisch und körperlich zu ruinieren ist immer schlimmer als zu kündigen oder eine Kündigung in Kauf zu nehmen und irgendwo anders von vorne anzufangen.

FAQ

Was ist Narzissmus – und wie unterscheidet er sich von normalem Selbstbewusstsein?

Es gibt einen gesunden Alltagsnarzissmus – wir alle wollen Anerkennung, Erfolg, Komplimente. Das ist normal. Narzisstische Persönlichkeitsstörung geht weit darüber hinaus: Betroffene haben sehr früh ein Liebesdefizit erlitten, ihr Selbstwert wurde früh gekränkt – und sie verbringen ihr Leben damit, das durch permanente Selbsterhöhung zu kompensieren, oft auf Kosten anderer.

Sylvia Pietzko nennt vier Merkmale, die mit E beginnen: Empathielosigkeit, extremer Egoismus, Entwertung anderer (sich selbst erhöhen, indem man andere kleinmacht) und Empfindlichkeit (schnell beleidigt, kaum kritikfähig). Im Berufsalltag zeigt sich das durch willkürliches Lob und Strafe, Manipulation, das Übernehmen fremder Ideen und – in schlimmeren Fällen – echte Drohungen.

Weil empathische Menschen das frühe Liebesdefizit und die Verletzlichkeit hinter dem narzisstischen Verhalten spüren – und helfen wollen. Der Narzisst nutzt das gezielt aus: Er liest Menschen gut aus, setzt gezielte Komplimente ein und schafft so eine emotionale Abhängigkeit. Echte Empathie hat er dabei nicht – sein Mitgefühl ist rein instrumentell.

Früh erkennen, Distanz wahren, keine persönlichen Informationen teilen. Grenzen klar und konsequent setzen – beim ersten Übergriff, nicht erst beim dritten. Vorfälle dokumentieren (Tagebuch, Notizen). Sich dem Betriebsrat oder einer Vertrauensperson anvertrauen, nicht der Personalabteilung. Und: Nichts persönlich nehmen – narzisstische Führungskräfte verhalten sich so gegenüber jedem, es sagt nichts über die eigene Leistung aus.

Sylvia Pietzko bietet Einzelcoaching und ihren Online-Kurs „Powerful You“ an, der unter sylvia-pietzko.de zu finden ist. Für alle, die eine therapeutische Begleitung suchen, lohnt sich trotz langer Wartezeiten die Suche nach einem Therapieplatz. Und: Kostenlose Erstanlaufstellen wie Beratungsstellen oder der Betriebsrat können ebenfalls helfen.

Das vollständige Gespräch mit Sylvia Pietzko findest du hier im Podcast Freiraum für Führungskräfte. Sylvia ist über sylvia-pietzko.de erreichbar.

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